Streiflichter aus der Geschichte von Randa

Heute vor 130 Jahren | Das Lawinenunglück von 1888 in Randa/Wildi

27.02.2018 | Gastbeiträge, Nostalgische Fundstücke

Genau vor 130 Jahren, Ende Februar 1888, ereignete sich in Randa ein verheerendes Lawinenunglück. Die ausserordentlichen Schneefälle führten im ganzen Oberwallis zu einer grossen Lawinengefahr, und es kam zu zahlreichen Lawinenniedergängen. Im Goms und im Vispertal kamen 12 Menschen ums Leben, und die Schäden an Gebäuden waren enorm. In Randa verloren zwei junge Männer, Johann Albert Truffer und sein Bruder Adelrich Samuel, das Leben. Ein Wohnhaus und 40 andere Gebäude wurden zerstört. Die Schäden beliefen sich auf 12000 Franken. Beim Lawinenniedergang handelte es sich diesmal nicht um eine Staublawine, die vom Biesgletscher her kam. Kam sie ev. wie die von 1937 vom Festigletscher her? Im Text erfahren wir darüber nichts.

Der eingangs erwähnte Korrespondent war niemand anderer als Pfarrer Joseph Imboden, der von 1879-1892 die Pfarrei Randa betreute und das Unglück hautnah miterlebt hat.

Aus Randa schreibt uns ein Korrespondent fast tagebuchartig Folgendes: „Wenn der Schneefall heute (27. Februar) abends oder Nachts nochmals beginnt wieder heftiger zu werden, weiss ich nicht, ob ich diesen Bericht an Sie vollenden kann, denn seit dem 26.Februar, Sonntagabend schweben wir seit vollen 84 Stunden in ständiger Todesangst ob der ungeheuren Schneemasse und der daherigen Lawinengefahr. Am Samstag, 25.Februar, gegen Abend kehrte ich von einem kleinen Ausflug, nach Hause zurück. Düstere Wolken hingen am Himmel und bedeckten denselben gewitterhaft. Ich vermutete ernstlich neuen noch grösseren Schneefall und am 26. Februar, Sonntagmorgens, lag schon eine ziemliche frische Schneeschicht auf Lager und den Tag hindurch schneite es minder oder mehr unausgesetzt, so den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch. Schon etwas über zehn Uhr Nachts vom 26./27., als ich mich aufs Nachtlager geworfen und mich meiner Lektüre widmete, wie gewöhnlich, schreckte mich und die übrigen Dorfbewohner ein ungewöhnlich dumpf dröhnender Ruck aus der ersten Siesta auf. Ich flog aus den Federn gewahrte sogleich, dass die Fenster auf der Südseite und nicht auf der bekanntlich gefährlichen Nord- und Gletscherseite, voll mit Schneemasse dicht bedeckt waren. Daher vermutete ich bloss einen Schneesturm vom Dach meines eigenen Hauses und, weil alles wieder still und ruhig war, weiter gar nichts geschah, empfahl ich nun mich und meine Pfarrangehörigen dem Schutze des Allerhöchsten und schlief ruhig ein. Allein heute Montag, den 27. beim ersten Tagesgrauen, gewahrte auch ich die fürchterliche, nächtliche Gefahr. Zwischen meinem Haus und der Pfarrkirche und um dieselbe lag eine 1 ½ Klaftertiefe Lawine.

Jetzt aber trafen sogleich auch von anderen Seiten Hiobsbotschaften ein. Streckenweise waren Städel, Scheunen und Ställe nieder und streckenweise fortgerissen und zertrümmert. An Gebäuden, Vieh, Heu, Futter, Stroh und Nahrungsmitteln war schon ein grosser Schaden zu verzeichnen. Um halb 8 Uhr meldete sich der Sakristan bei mir mit der Trauerkunde, dass der Kirchturm (im Innern), Chor und Sakristei übel zugerichtet und arg mitgenommen seien. Als ich circa um 8 Uhr selbst in die Kirche ging, ach! welch’schmerzlicher Anblick! Im Chor lag eine Mass aufgeschichteten Lawinenstaubs, ebenso in der Sakristei. Die Fenster an beiden Orte waren mit dichtem Schnee beschlagen und teilweise eingedrückt und zertrümmert. In der Sakristei war’s stockfinster, so dass ich mich ohne Licht nicht mehr zurechtfinden konnte. Als ich im Turme ein Glockenzeichen zur heiligen Messe geben wollte, da wurde ich mit Schnee- und Lawinenstaub überschüttet.Dies alles ergriff mich tief und schmerzlich. In Angst, Schwermuth und tiefer Ergriffenheit musste ich um 8 Uhr mit eigenem Lichte am Buchstand — so dunkel war’s im Chor – das hl. Messopfer feiern.

Bislang war noch kein Menschenleben zu beklagen, wenn auch ein junger starker Mann mit knapper Not, nachdem er von derselben eine Strecke geschleppt und geschleudert worden, der Lawine entrinnen konnte. Etwas über 9 Uhr, als ich nahe bei der Kirche meine armen Bienen aus dem tiefen Schnee-und Lawinengrabe und aus Trümmern noch halblebend heraus graben liess, da ertönte aus dem nahe gelegenen Dörflein „Wildi“ ein schmerzliches Jammergeschrei. Eine neue gewaltige Lawine begann da ihr grauses Zerstörungswerk. Scheunen, Ställe, Stadel und Speicher und was sich darin befand, wurden fortgeschoben und fortgerissen und wie Würfel durcheinander geworfen. Zwei Wohnhäuser wurden hart mitgenommen. Mehreren Privaten ist beinahe weder Vieh noch Heu geblieben, andern blieb noch Futter, aber fast kein Vieh mehr und wieder andern blieb das Vieh, aber fast kein Futter mehr: Alles das Werk einiger grauenhafter Augenblicke!Und, was noch unendlich trauriger ist, bei diesem Lawinensturz auf das Dörflein Wildi,haben wir zwei junge, blühende Menschenleben zu beklagen- zwei Brüder Truffer, jung,ledig, brav und ohne Tadel, von denen wir nun sagen dürfen „Wie sie im Leben vereint waren, so blieben sie’s im Tode.“ Gott habe sie selig, die friedlichen Brüder, die teuren Pfarrkinder!

Hier muss ich für einstweilen abbrechen nicht wissend, was uns die nächsten Augenblicke noch bringen werden. Es hängt wieder rabenschwarzer Nebel vom Himmel über uns herab und es macht wieder Miene, noch mehr zu schneien. Dann, o weh! Doch lassen wir die gütige Vorsehung über uns walten! Post- und Telegraphenverkehr sind nunmehr ganz abgeschnitten, — Gott weiss, auf wie lange. — Was in unsern lieben Nachbartalgemeinden bei diesem schweren Schneefall geschehen, ist uns dermalen noch ganz unbekannt. Gott,der Allgütige, möge sie vor Unglück bewahren und bewahrt haben. So Gott will, werde ich hier noch mehr und Näheres hinzufügen, was uns dieser furchtbare Schnee gebracht hat und noch bringen mag. Für jetzt Gott befohlen, Ihr lieben Schwergeprüften!

Nach einer sorg- und kummervollen Nacht, -unter Gottes Schutz und Gnade, haben wir heute 28. Februar keine weiteren Lawinenstürze zu verzeichnen; allein es ist heute schon der dritte Tag, dass zu mehreren Ställen mit Vieh kein Zugang konnte erobert werden, und ich weiss daher nicht, wie viel Schaden, Unglück und Elend da noch an den Tag kommen werden. Die Schneemasse ist eine gewaltige, er-erdrückende. Sie misst hier im Dorfe selbst auf Dächern noch gesetzt 1½ Meter. Seit gestern Abend ist neuer Schneefall unbedeutend mehr; in der zweiten Hälfte der Nacht klärte sich bisweilen der Himmel stellenweise auf und das freundliche Mondlicht brach öfters durch die Wolken, um uns wohl zur Hoffnung und zum Vertrauen auf den Allgütigen zu leuchten. Der hl. Sebastian, dieser Kriegs- und Glaubens-Held, möge uns auch ferner vor noch grösserem Unglück und Schaden schützen!Wir sind jetzt immer noch nicht ausser Gefahr; im Hochgebirge muss eine immense Schneemasse aufgeschichtet liegen. Seit der Morgenfrühe hangen noch öfters rabenschwarze Gewitterwolken ins tief mit Schnee bedeckte Thal herab. Der Schaden reicht schon hier in die Tausende von Franken. An Gebäude fielen hier meistens in Trümmer gegen 40 Firsten; an Grossvieh wurden 8—10 Stücke und Kleinvieh, Ziegen und Schafe gegen 20 Stücke in den Lawinenmassen begraben und zu Grunde gerichtet. Seit gestern Abend, (28. Februar) haben wir, Gott sei Dank, neue Unglücksfälle nicht mehr zu verzeichnen, gleich noch keineswegs alle Gefahr vorüber ist. Die Nacht war, besonders anfangs, wieder in rabenschwarzen Nebel gehüllt und es machte Miene, nochmals zuschneien. Es wurden einige zertrümmerte Ställe mit Vieh bloss gelegt, die armen Thiere schmachteten jetzt schon drei Tage unter der Schneelast. Aber im Dörflein Wildi grub man gestern noch aus den Ungeheuern Trümmern der Schnee- und Lawinenmassen junge lebende Tiere heraus.

Ich setze nun, Herr Redaktor, mein trauriges Tagebuch noch weiter fort. 29. Februar,soviel man anfangs vernehmen kann, seit gestern Abend, sind, Gott sei Dank, unsere nächsten Nachbargemeinden bislang weniger stark mitgenommen worden durch Schnee und Lawinenstürze; jedoch gebe es auch da einigen Schaden an Gebäuden, aber Menschenleben seien doch noch keine zu beklagen..Ich begab mich heute nochmals auf die Unglücksstätte „in der Wildi“. In der friedlichen Kapelle lagen die beiden Brüder Truffer als Leichen, die alten freundlichen Züge. Dann begab ich mich zum betagten, darnieder gebeugten Vater, der im Uebermass des Schinerzes die Hände rang ob dem tiefen Leid, dass ein gestähltes Vaterherz bewegte. Grosse Thränen rannen über seine wettergebräunten Wangen runter. Nochmals betrat ich dann die Unglücksstätte, wo man noch immer rührig arbeitete und dann und wann ein Stück Vieh tief aus Trümmern und Schneemassen heraushob. — fast alle Thiere, wie zuvor, tot. Plötzlich hörte man ein junges Kätzchen miauen und, siehe, noch lebend wurde es zu Tage gefördert. Das arme Thierchen war in der eisigen Gruft ohne Nahrung in der Nähe der toten Mutter. — Die ganze Unglücksstätte gleicht wirklich einem Gräuel der Verwüstung und wer alles mit ansieht und mitfühlt, muss tief bewegt werden. Die aufgeklärte Welt soll nur gar nicht glauben, dass unter dem groben Wollenküttel und unter dem scharzen Talar kein gefühlvolles Herz zu schlagen vermöge.Liebe und Mitleid sind gewiss auch da zu Hause für Verwandte und Pfarrangehörige und auch für alle Menschen, die des Mittleids bedürfen und wert sind. — Im Dörflein Wildi, das auf der Südseite nur mehr eine Ruine, ein Trümmerhaufen ist, drang die Lawine an zwei Stellen nahe an die Talstrasse. Auch das alte, ehrwürdige Geburts- und Wohnhaus des bekannten, gelehrten und frommen Pfarrers Riedi in Raron ist in seinen Grundfesten erschüttert worden. Heute den 1. März erst vermochten wir, die zwei verunglückten Brüder Truffer, unter Teilnahme der gesamten Pfarrgemeinde zur Erde zu bestatten. Gott habe sie selig, die Braven! — Im übrigen Grossthale scheint, Gott sei Dank, der durch den ungewöhnlich grossen Schneefall angerichtete Schaden nicht von besonderem Belang zu sein, aber uns Arme hat’s leider hart getroffen. Der liebe Gott und gute, mitleidige Seelen werden gewiss unser Unglück und Leid zu mildern vermögen. Auch hier hat die gefahrvolle, missliche Lage sich gemildert, obgleich über unserem einsamen Dorfe noch Massen von Schnee gleichsam in Bereitschaft stehen, um uns noch einen kalten, traurigen Besuch abzustatten. Gott der Herr bewahre uns gnädig davor! — Es leuchtet uns heute,seit bereits sechs Tage», wieder zum ersten Male das freundliche Sonnenlicht erwärmend,erquickend und tröstend. Sei es uns ein Zeichen der Rettung und Erbarmung Gottes!Zweiter März. Es scheint uns der liebe Gott nun mehr von der grössten Gefahr befreit zuhaben. Die ungeheure Masse Schnee tritt nun langsam durch Ablagerung in ruhigere Bahnen ein. Zum Abschluss empfehle (ich) die traurige Lage meiner Pfarrgemeinde dem frommen Gebete und der warmen Teilnahme hochherziger Christenseelen.

Quelle: Walliser Bote 1888 Nr. 10.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Autor

Peter Truffer

Peter Truffer

Truffer Peter wohnt seit vielen Jahren in Balzers im Fürstentum Liechtenstein. Er verbringt regelmässig Ferien im Moos in Randa. Als pensionierter Lehrer interessiert er sich für die Geschichte seines Heimatortes.

Weitere Gastbeiträge

Die «Ung’fälle» von Randa im 19. Jahrhundert

Tief verschneite Landschaft, das Dorf in Weiss gehüllt, die Landstrasse auf einen schmalen Pfad verengt, von Frauen gespurt, die um vier Uhr morgens mit ihren Laternen zum Füttern der Tiere unterwegs waren. «Wenn die Lawine kommt, dann müsst ihr euch in einen Stall...

Wo der Wildibach rauscht

  Wir wohnten in Randa in der Wildi, nicht weit weg vom Wildibach. Wir konnten ihn zwar nicht sehen, ein dichter Wald lag dazwischen, aber wir konnten ihn hören. Wenn man nachts im Bett lag und das Fenster stand offen, ver-nahm man sein beruhigendes Rauschen. Man...